Schöne Melodien zum Marsch in ein glückliches Leben
Wie die Tschechen nach dem Prager Frühling mit der Tristesse der Unfreiheit lebten – Mariusz Szczygiels Reportagen aus „Gottland”.
Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich ein Pole für die Tschechen interessiert. Oder ein Tscheche für die Polen, oder ein Spanier für die Portugiesen oder was der Beispiele mehr wären. So ist es nun einmal mit den Nachbarn, auch wenn die politische Rhetorik gern zu „Brückenschlägen” aufruft: sie lassen uns kalt. Oder sie gehen uns auf die Nerven. Sie sind nicht wie wir, aber dafür sie sind uns zu nah. Was nun speziell Polen und Tschechien angeht, so wenden sie sich traditionell den Rücken zu. So war es vor dem Kommunismus, so war es unter dem Kommunismus, und so ist es, bei aller europäischen Öffnung, noch heute.
Um so besser, dass es Mariusz Szczygiel gibt, einen Reporter aus der polnischen Schule.
Diese Schule, eng verbunden mit der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza” hat eine Schar großartiger, literarisch erzählender Reporter hervorgebracht, als deren Urvater Ryszard Kapuscinski gelten darf. Der heute von Szczygiel geleitete Reportageteil der Zeitung sucht wahrscheinlich auf der Welt seinesgleichen. Wo gäbe es sonst so viel Platz für lange, nicht an Tagesaktualitäten gebundene, manchmal essayistische Reportagen?
Die polnischen Reportagen haben einen ethnographischen Blick für das scheinbar Nebensächliche und Unsensationelle. Mit diesem Blick hat Marius Szczygiel das rätselhafte Nachbarland erforscht, und zwar nicht nur die Tschechische Republik von heute, sondern mehr noch das Land, das einmal CSSR hieß und das wegen seines Mangels an Freiheitsrechten und seines Überflusses an Nahrungsmitteln auf die Polen einen zwiespältigen Eindruck machte.
Szczygiels „Gottland” zeichnet von der Tschechoslowakei der so genannten Normalisierungs-Zeit von 1968 ab ein Bild, das dem Kapuscinskis vom Äthiopien des Negus Haile Selassie nicht ganz unähnlich ist. Es faszinieren ihn also die absurden und tragikomischen Aspekte der kommunistischen Herrschaft ganz besonders. Zum Beispiel das wechselvolle Schicksal der Schuh-Dynastie Bata aus dem mährischen Zlin unter fünf politischen Systemen, oder das Los der Schauspielerin und kurzzeitigen Goebbels-Geliebten Lída Baarová, die nach dem Krieg der Kollaboration verdächtigt, aber nie überführt wurde, die ins österreichische Exil ging und bei ihrer Rückkehr nach Prag 1989 von ihren alten Fans belagert wurde.
Das spezifisch polnische Interesse an den Tschechen, das diese Reportagen leitet, lässt sich vielleicht so umschreiben: wie konnte es geschehen, dass eine notorisch freiheitsliebende und unterwerfungsresistente Nation wie die tschechische mit einem so grauen und tristen Regime wie dem der Post-69er-CSSR zu leben lernte?
Wie konnte es geschehen, dass der Prager Frühling in einen zwanzigjährigen Prager Winter überging, der an Unfreiheit kaum irgendwo auf der Welt überboten wurde? In Polen und Ungarn wäre das nicht möglich gewesen.
Szczygiel gibt keine Antworten auf diese Fragen, aber er erzählt böhmische Geschichten, Geschichten von Anpassungskünstlern. Etwa von Karel Gott, der am 4. Februar 1977 im Prager Nationaltheater als Reaktion auf die „Charta 77” eine Solidaritätsadresse an die Regierung abgab. Mit anderen staatsnahen Künstlern unterschrieb er eine Erklärung, in der es hieß: „Als Künstler dieses Landes wollen wir alles tun, um mit noch schöneren Melodien einen Beitrag für den Marsch in ein glückliches Leben unseres Vaterlandes zu leisten.”
Karel Gotts Unterwerfungsgeste hat seiner immerwährenden Popularität keinen Abbruch getan. Vielleicht hält er sich ja selbst für einen zweiten Schwejk, dessen Anpassung wie Subversion aussieht, aber doch nur dem eigenen Überleben dient. Schwejk, so zitiert Szczygiel den tschechischen Schriftsteller und Philosophen Jan Jedlicka, sei „ein Philosoph der vorübergehend zwingenden Umstände”, und das gilt für fast alle in seinem Buch porträtierten Figuren. Für Einen, der nur eine Nebenrolle spielt, gilt es nicht: für Václav Havel.
Die Heldenrolle des Dissidenten aber hat, auch das zeigt Szczygiel, ihren Glanz verloren. Die Massen halten es heute lieber mit Karel Gott – er ist ihnen einfach ähnlicher.
CHRISTOPH BARTMANN
MARIUSZ SZCZYGIEL: Gottland. Reportagen. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 276 S., 19, 80 Euro.
Ein Kapuscinski-Enkel: Mariusz Szczygiel Foto: Ekko von Schwichow
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