Szczygiel, Mariusz: Gottland
Von Andreas Wirthensohn
Selbst atheistische Staaten brauchen offenbar ihre Götter: In Prag eröffnete 2006 "Gottland", ein Museum für Karel Gott, die einstmals geliebte "goldene Stimme aus Prag"; das Prager Denkmal für Stalin, das nur acht Jahre lang stand, gehörte zu den protzigsten im damaligen Ostblock und trieb seinen Schöpfer schon vor der Fertigstellung in den Tod; und der berühmte Schuhfabrikant Bata schuf gleich gar eine eigene Religion, nämlich den sogenannten "Batismus".
Mariusz Szczygiel, Redakteur bei der polnischen Tagezeitung "Gazeta Wyborcza", hat ein mitreißendes Buch über unser nördliches Nachbarland geschrieben: über die Verwerfungen, die das 20. Jahrhundert der Tschechoslowakei bescherte, über das (Über-)Leben unter dem real existierenden Sozialismus und nicht zuletzt über die prägende Kraft der Geschichte.
"Gottland" ist große Literatur im Gewand der Reportage – oder: Kafka gepaart mit einer gehörigen Portion Schweijk.
Mariusz Szczygiel: Gottland. Reportagen. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2008, 275 Seiten, 20,40 Euro.