Neue Zürcher Zeitung, 14.05.08




Die Schnulze als Hymne «Gottland» – der Pole Marius Szczygiel erkundet Tschechien

Karl-Markus Gauss, Neue Zürcher Zeitung, 14.05.08

Ein polnischer Reporter legt seine gesammelten Reportagen über Tschechien vor. Warum sollten sich deutschsprachige Leser ausgerechnet dafür interessieren? Nun, weil der 1966 geborene Mariusz Szczygiel meisterliche Prosa schreibt, die zwar nicht fiktional, aber äusserst kunstvoll ist. Und weil es dem genauen Beobachter und originellen literarischen Arrangeur gelingt, sein Nachbarland so zeigen, dass nicht nur die Tschechen und ihre Nachbarn staunen werden.

Mariusz Szczygiel ist in die literarische Schule des Ryszard Kapuscinski gegangen, ohne diese später als Epigone des grossen Lehrmeisters zu verlassen. Wenn es darum geht, die wohlrecherchierten Fakten literarisch zu stilisieren, so dass sie umso eindrucksvoller zu sprechen vermögen, nimmt er sich mehr Freiheiten als der Reporter aller Reporter. Gleich diesem bleibt er nicht nur der historischen Wahrheit verpflichtet, sondern auch den Menschen, von deren Unglück und Verstrickung er erzählt, und den Gewährsleuten seiner Geschichten, deren Vertrauen er nie verrät.

Formaler Erfindungsreichtum

Zu überzeugen weiss Szczygiel vor allem mit seinem formalen Erfindungsreichtum, der sonst nicht unbedingt zu den häufigsten literarischen Talenten von Reportern gehört. Die erste Reportage, in der er entlang der Biografien des Firmengründers und seiner zwei verfeindeten Erben vom Schuh-Konzern Bata berichtet, legt er chronologisch an; in der abschliessenden Reportage, die auf kühne Weise den Untergang eines pubertären Internet-Freaks mit der tragischen Lebensgeschichte einer Ärztin überschneidet, die die kommunistischen Zeiten aufrecht überstand, springt er hingegen kapitelweise aus dem Jahr 2003 in die Ära der stalinistischen Prozesse, des Prager Frühlings, der «Normalisierung» und der «samtenen Revolution» zurück.

Das eine Mal breitet er sein biografisches Material mit melancholischem Witz aus, wie in der Reportage über die Schauspielerin Lída Baarová, die von sich selber sagte, sie sei «nur eine dumme Frau» gewesen und habe nie etwas verstanden: weder warum sie in Nazideutschland so beliebt war noch warum die Tschechen sie 1945 für eine Kollaborateurin hielten. Das andere Mal, etwa wenn er von Bau und Demontage des grössten Stalin-Denkmals der Welt erzählt, montiert Szczygiel die verschiedenen Erzählstränge wiederum mit lapidarem Grimm.

Der Bau des Denkmals wurde 1949 in Angriff genommen, als die Kommunistische Partei Stalin zu seinem 70. Geburtstag ein einzigartiges Monument auf einem Hügel hoch über Prag schenken wollte. Vollendet wurde das Ungetüm erst 1955, da war das Geburtstagskind schon tot, und Chruschtschew bereitete seine Rede für den Parteitag vor, auf dem er Stalins Verbrechen anprangern würde. Die Abrissarbeiten begannen 1961 und dauerten ein ganzes Jahr, so massiv waren die Granitblöcke, die den Vater aller Völker inmitten von Soldaten und Werktätigen zeigten.

Szczygiel erzählt die aberwitzige Geschichte von Planung, Bau und Demolierung des Denkmals, indem er sich auf die Spur zweier Menschen setzt, deren Leben gewaltsam von diesem Monument der Gewalt zerstört wurde. Er berichtet von dem Bildhauer Otakar Svec, der während der mehrjährigen Bauarbeit stets verdächtigt wurde, er habe seinem Entwurf geheime Hinweise eingezeichnet, die Stalin verächtlich machen sollten, und der kurz vor Fertigstellung seines Werks Selbstmord verübte. Und er hat jenen Sprengmeister ausfindig gemacht, der die Sprengung des monströsen Blocks zu leiten hatte, ohne dass davon halb Prag in Schutt und Asche gelegt würde und ihn sein fachlicher Ehrgeiz der antisowjetischen Gesinnung verdächtig machte. Das Denkmal zu sprengen, war höchster Parteiauftrag; diesem allzu begeistert nachzukommen, mochte hingegen von schadenfroher bürgerlicher Gesinnung zeugen, für die man damals schnell auf Jahre hinter Gittern verschwand. Was Wunder, dass der wackere Sprengmeister nervlich zerrüttet ist.

Polen und die Tschechoslowakei, sozialistische Bruder- und volksdemokratische Nachbarländer, waren einander nicht sonderlich zugetan. In Polen galten die Tschechen als beflissene Streber; umgekehrt standen die Polen bei vielen Tschechen im Ruch, kirchenfromme Provinzler zu sein. «Gottland» überschreibt der Pole Szczygiel seine tschechische Landeserkundung, aber gemeint ist nicht, dass Tschechien das Land Gottes, sondern jenes von Karel Gott sei, dem Schlagersänger, der in jedem Regime seine Schnulzen gesungen – und freilich die Dissidenten auch verpfiffen hat.

Gegen die allgemeine Amnesie

1977 desavouierte Karel Gott in einer öffentlichen Botschaft der Ergebenheit die Unterzeichner der Charta 77, und heute hat die «tschechische Nachtigall» bei Prag ihr eigenes Museumsrevier. Nach «Gottland» pilgern Hunderttausende Fans, die dem Sänger gerade seine Verstrickungen in die Diktatur danken. Er habe eben Kompromisse schliessen müssen, hat sich Karel Gott später verteidigt, und Millionen Verstrickte lieben ihn darum: «Sie haben zusammen mit ihm den Kommunismus überdauert. Selbst er hat sich müssen – wie dann erst wir!» Karel Gott als Repräsentant einer Gesellschaft, die sich über ihre eigene Vergangenheit nicht klar werden möchte, die Schnulze als Hymne auf die allgemeine und gleiche Amnesie.

Mariusz Szczygiel: Gottland. Reportagen. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Mit einem Nachwort von Martin Pollack. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2008. 271 S., Fr. 34.30.





MACHINA, Marzec 1997 r.

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